Darf man lügen?
Mich hat ein Lied von Reinhard Mey beeindruckt. Er erzählt vom Zeugnistag, als er etwa 12 Jahre alt war. Voller Verzweiflung und Angst wegen der schlechten Noten fälscht der Junge die Unterschriften der Eltern unter dem Zeugnis. Der Rektor entdeckt es sofort und zitiert zornig die Eltern herbei.
Mein Vater nahm das Zeugnis in die Hand und sah mich an und sagte ruhig: „Was mich anbetrifft, so gibt es nicht die kleinste Spur eines Zweifels daran, das ist tatsächlich meine Unterschrift.“ Auch meine Mutter sagt: Ja, das sei ihr Namenszug, gekritzelt zwar, doch müsse man versteh´n, dass sie vorher zwei große schwere Einaufstaschen trug. Dann sagte sie: Komm, Junge, lass uns geh´n Komm, Junge, lass uns geh´n!“
Manches überflüssige habe er in der Schule gelernt.
Nur eine Lektion hat sich in den Jahr´n herausgesiebt,
die eine nur aus dem Haufen Ballast:
Wie gut es tut zu wissen, dass dir jemand Zuflucht gibt.
Ganz gleich, was du ausgefressen hast.
Ich weiß nur eins: Ich wünsche allen Kindern auf der Welt
Wenn´s brenzlig wird, wenn’s schief geht und die Welt zusammenfällt,
Eltern, die aus diesem Holze sind,
Eltern, die aus diesem Holze geschnitten sind.
Genau so hat wohl auch Martin Luther gedacht, als er das 8. Gebot „Du sollst kein falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten“ so interpretierte:
Wir sollen unseren Nächsten ... entschuldigen, Gutes von ihm reden und alles zum Besten kehren.
Jens Burgschweiger (Minden)
Auszug aus einer Morgenandacht von WDR 2, jeden Werktagmorgen um 5.55 – 6.00 Uhr.

